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Sie hieß Geraldine Leopold (Name geändert) und hatte einen Dickschädel, den man ihrer eher zierlichen Erscheinung nicht zutraute. Und da ich auch einen Dickschädel hatte und noch heute habe, gerieten wir immer wieder aneinander. Das tat aber der Sympathie füreinander keinen Abbruch. Wir diskutierten einfach gern und oft und leidenschaftlich. Zu meinem Leidwesen konnte sie ihre gelegentlichen Einwände auch im Beisein von Patienten nicht verbergen, was dann anschließend dazu führte, dass ordentlich die Fetzen flogen. Aber dennoch: Wir waren ein eingespieltes und nach unserer Selbsteinschätzung auch ein unschlagbares Team. Frau Leopold blieb nicht nur meine Dauerpraktikantin, sie hielt mir auch die Treue, als sie selbst ihre Approbation hatte. Die Praxis war gut bis sehr gut ausgelastet, sogar in den Abendstunden. Natürlich war auch meiner Ehefrau die neue Assistentin nicht verborgen geblieben. Und die Arbeit bis in die Abendstunden nährte bei ihr den Verdacht, es könnte zwischen meiner Assistentin und mir mehr sein als Blutegel, Buchführung und Behandlung. Als ich diesen Verdacht zum ersten Mal aus ihrem Mund hörte, war ich so überrascht, dass sie meine Reaktion offenbar so auslegte, als hätte sie mich ertappt. Es muss wohl ihr Mißtrauen genährt haben, wenn ich anerkennend von meiner Assistenzin sprach, wie diese mit bloßen Händen die Blutegel aus dem Bottich nahm und direkt auf die Haut des Patienten ansetzte. Wie sie nach der allerletzten Behandlung ganz selbstverständlich nach den Buchführungsunterlagen griff und sich darüber hermachte. Was wäre ich ohne sie gewesen? Schon lange wendeten wir die Blutegelbehandlung nicht mehr nur bei Durchblutungsstörungen und Krampfadern sowie Entzündungen an. Als Medizin-Journalist hatte ich ständig die Hand am Puls der aktuellen Medizinforschung. Meine neue Assistentin hingegen studierte die Aufzeichnungen bekannter Naturärzte, die private Forschungen in ihren Praxen betrieben. Bekanntes und Neues führten wir so zusammen und schlugen neue Wege in unserer Behandlung ein. Es war aber auch die Zeit, in der ich großen Belastungen ausgesetzt war. Nach wie vor war ich ja auch noch als Dozent tätig, schrieb Artikel als freier Medizin-Journalist und betrieb das Familientheater "Hamburger Sprech- und Gebärdenbühne". Jeden Tag mussten meine verschiedenen Tätigkeiten neu koordiniert und unter einen Hut gebracht werden. In dieser Zeit unterlief mir auch mein erster Fehler. Wie jeden Abend war meine Assistentin mit der Buchführung beschäftigt, während ich die letzte Patientin verabschiedete und damit begann, die Praxis für den nächsten Tag herzurichten. Dazu gehörte auch das Abtöten der zuvor angesetzten Blutegel. Da die prall mit Patientenblut gefüllten Blutegel möglicherweise Krankheitserreger in sich tragen, dürfen sie nicht in der Natur ausgesetzt werden. Ich griff an diesem Tag offenbar an der Spiritusflasche vorbei und benetzte die Egel wohl mit einprozentigem Procain, welches ich für die Neuraltherapie benötige. Damit wurden die Blutegel allerdings nur leicht betäubt, dachten jedoch im Traum nicht daran, ihren Geist aufzugeben. Auch an diesem Abend wurden die vermeintlich toten Tiere in den Etagentoiletten entsorgt. Diese wurden besonders in den Abendstunden auch von den Sekretärinnen der benachbarten Büroräume der Bank benutzt. Ich hörte nur einen markerschütternden Schrei. Frau Leopold ließ vor Entsetzen den Schreibstift fallen. Fast gleichzeitig rannten wir zum Flur und sahen noch, wie aus zwei Toiletten Frauen mit halb heruntergelassenen Röcken herausgeschossen kamen und in ihre Büros flitzten. Mir war sofort klar, dass den Blutegeln das Procain nicht besonders beeindruckt hatte. Sie waren nach dem Spülvorgang seelenruhig, eine breite Blutspur nach sich ziehend, wieder die Toilette hoch gekrochen , wo ihnen ein zum Anbeißen verlockendes Sekretärinnen-Hinterteil entgegenglänzte. Kurz darauf klopfte der Büroleiter an meine Praxistür und bat mich um eine Unterredung. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes. Mit einer wegwerfenden Handbewegung lehnte er es ab, Platz zu nehmen. Stattdessen blickte er sich suchend um, schüttelte beim Anblick meiner Schröpfgläser, Nadelköpfe und Akupunktur-Utensilien den Kopf und ging dann zielstrebig auf den gläsernen Bottich zu, in dem die noch unverbrauchten Blutegel schwammen. Sie mögen ja eine andere Einstellung haben", sagte er, während seine Stimme vom Flüsterton zu einem Schrei anschwoll, ich aber finde die Dinger einfach ekelhaft!!" Ich versprach ihm, mich am nächsten Tag bei seinen Sekretärinnen zu entschuldigen. Mit einem Blumenstrauß und einem ausgesprochen schlechten Gewissen klopfte ich anderentags an die Tür des Bankbüros. Der Büroleiter war schon nach Hause gegangen. Die Schreibdamen waren auf mein Kommen auf eine Art vorbereitet, die mir Angst machte. Frech grinsend ließen sie nicht eher locker, bis ich mich bei jeder Sekretärin einzeln entschuldigt hatte. Dann forderten sie mich auf, Platz zu nehmen und löcherten mich mit ihren Fragen. Aus meinen Antworten entstand ein ganzer Vortrag über Blutegel im Allgemeinen und im Besonderen. Insbesondere wurde das Mitleid der Damen erregt, als ich erklärte, dass die Tierchen nach getaner Arbeit einfach abgemurkst werden. Gespielte Empörung, Neugierde und Scherz wechselten sich ab, während das Stimmengewirr mehr und mehr im zweiten Stock der Banketage anschwoll. Wenn jemand eine Flasche Sekt zur Hand gehabt hätte, wäre der Abend noch feuchtfröhlich ausgeklungen. Beim Abschied meldete sich sogar eine der Damen zu einer Blutegelbehandlung an. Ich konnte sicher sein, dass mir auch die übrigen Schreibdamen nicht mehr böse waren. Der Vorfall mit den Blutegeln hatte in der Stadt die Runde gemacht. Zuerst waren auf geheimnisvolle Weise die Bankkreise informiert worden, dann die wissbegierige Bevölkerung. Da war davon die Rede, dass überall in der Stadt blutverschmierte kleine Ungeheuer die Kanalisation hochkriechen und unbescholtene Bürger ins Hinterteil beißen würden. Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Stadtgesprächs ein seit langem geplanter Vortragstermin des Gesundheitsvereins anstand. Thema: Die segensreiche Therapie mit Blutegeln". Als Redner war der Vorsitzende dieses Vereins bestimmt: ich. Nun brauchten die braven Bürger nur noch eins und eins zusammenzuzählen und konnten sich auf einen handfesten Skandal einrichten. Erwartungsgemäß war der Vortragssaal zum Bersten gefüllt. Viele bekamen keinen Sitzplatz mehr. Da diskutierten Mitglieder des Gesundheitsvereins, hier zwinkerten sich Schüler der Heilpraktikerschule vielsagend zu, dort wieder saßen verstreut und scheu ehemalige Patienten von mir. Aber es waren genau so viele Neugierige gekommen, Bluterfahrene, Leute, die angeblich ihre Begegnung mit der Dritten Art auf der Toilette gemacht hatten (oder besser: gemacht haben wollen). Und dann sah ich sie, und mein Gesicht erhellte sich: Es waren tatsächlich auch einige Sekretärinnen aus der Banketage gekommen. Wie nicht anders zu erwarten war, ließen es sich einige Gäste nicht nehmen, meinen Vortrag mittels provozierender Zwischenrufe zu stören. Ich hatte es den Sekretärinnen zu verdanken, dass durch ihre gezielt gesteuerten Beiträge die ganze Veranstaltung noch ein versöhnliches Ende fand. Zum Dank lud ich die Damen zu einem Umtrunk ins Restaurant ein. Ich musste mir doch solche Nachbarn warm halten! Blutegel und andere Kollegen Der Blutegel sollte mich auch noch in den nächsten Jahren beschäftigen. Aber ich hatte das Gefühl, in meiner Praxis an Grenzen zu stoßen, die ich unbedingt zu überwinden trachtete. Und da das Suchen - das ist jedenfalls meine Erfahrung - irgendwann einmal zum Ziel führt, eröffnete ich eines Tages meiner Assistentin, dass sie die Praxis ab sofort allein weiterführen müsse. Ich hatte mich nämlich entschlossen, in einem norddeutschen Pharmaunternehmen neue Aufgaben zu übernehmen. Und so kam es. Aus dem Selbständigen wurde wieder ein Angestellter. Allerdings mit dem doppelten Gehalt. Meine Aufgabe bestand darin, die Segnungen des Blutegels in alle Welt zu tragen. Das setzte natürlich ein umfangreiches Studium der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über dieses lebendige Arzneimittel aus der Familie der Ringelwürmer voraus. Ich besuchte Ärzte, Diskussionsrunden, Messen, Kongresse. Ich fühlte mich wieder in die Zeit als Bankkaufmann zurückversetzt, als alles unter dem Gesichtspunkt von Umsatz geschehen musste. Nach einer gewissen Zeit machte mir das angst. Natürlich sah ich ein, dass man der Konkurrenz nicht so leicht das Feld überlassen durfte. Aber ihr gleich die Luft zum Armen abschneiden? In unseren Schulungsstunden begeisterten sich die leitenden Professoren, weil ich für unsere Hirudin-Produkte immer die witzigsten und zugleich philosophisch angehauchten Werbesprüche parat hatte. Umso mehr wunderte man sich, dass ausgerechnet mein Verbreitungsgebiet nicht den allerhöchsten Umsatz aufzuweisen hatte. Die Erklärung wusste nur ich. Tief in meinem Inneren passte mir nämlich die ganze Richtung nicht. Die heimliche Bestechung der Ärzte mit Traumreisen und luxuriösen Praxiseinrichtungen gegen wohlwollendes Rezeptieren waren keine guten Argumente für das Produkt. Als ehemaliger Journalist juckte es in meinen Fingern. Sollte ich meine eigene Firma an den Pranger stellen? Ich begann Dienst nach Vorschrift zu machen und bat um die einvernehmliche" Kündigung. Die Praktiken der Pharmaunternehmen nahmen deswegen kein Ende. Im Gegenteil. Ende der 80er Jahre ließen sich die Götter in Weiß besonders reich beschenken. Und das hat sich bis heute nur unzureichend geändert. Was mich betrifft, so war ich heilfroh, dass ich damit nichts mehr zu tun hatte. Schließlich hatte ich als Medizin-Journalist früherer Jahre gerade diesen gierigen Ärzten gehörig auf die Finger geklopft. Ich verkaufte meine Praxis in der Fußgängerstrasse an meine Assistentin und richtete mir eine neue Praxis im eigenen Hause ein. Aber bevor es dazu kam, musste ich zusehen, wie mein Leben auf privater Ebene eine radikale Wende nahm. Meine gehörlose Ehefrau und ich hatten uns unbemerkt auseinander gelebt. Sie war kaum noch ein Wochenende zu Hause. Und eines Tages war sie ganz weg. Sie hatte sich zu einem Freund nach Berlin hingezogen gefühlt. Die drei Kinder hatten sich entschieden, bei mir zu bleiben. Nicht zuletzt aus praktischen Gründen, denn sie besuchten alle drei noch das Gymnasium. Jetzt begann eine schwierige, aber auch interessante Zeit. Wir lebten fortan wie in einer Wohngemeinschaft - einer Kommune. Die Freiheit jedes Einzelnen wuchs, aber auch die Verantwortung für das Ganze. Ich hatte mehr als früher die Kinder von der Schule abzuholen, sie zu den verschiedensten Veranstaltungen zu chauffieren. Ich hatte für sie zu kochen, zu putzen, zu waschen... Und am Abend? Meist waren dann meine Zöglinge ausgeflogen. Dann verzog ich mich in eine dunkle Ecke unseres riesigen Wohnzimmers und grübelte. Abend für Abend. Das dauerte eine Weile. Dann aber brach es aus mir heraus. Urplötzlich und gewaltig. Du gehörst noch nicht zum Alten Eisen", erkannte ich. Ein Blick in den Spiegel suggerierte mir: Du hast sogar noch Chancen bei Frauen. Ich antwortete auf Kontaktannoncen, ging Hals über Kopf Affären ein, die ich kurzfristig wieder auflöste. Die Anhänglichkeit der Frauen, die ich in dieser Zeit kennen lernte, machte mich außerordentlich skeptisch. Machte vielleicht mein Porsche den ausschlaggebenden Eindruck auf sie und nicht ich selbst? Vorsichtshalber löste ich auch die letzte Verbindung - bis Karen kam. Darauf muss ich später noch näher eingehen... Es ist nur am Rande erwähnenswert, dass ich vorübergehend die Geschäftsführung eines Vertriebsunternehmens übernommen hatte, einer Firma, die damals mit Gesundheitsartikeln auf den Markt drängte. Das ganze Unternehmen stellte sich sehr schnell aus Flop heraus. Die Kapitaldecke der Inhaber war viel zu dünn, um sich auf dem Markt behaupten zu können. Also verwirklichte ich meinen ursprünglichen Plan und richtete eine Praxis in meinem Hause außerhalb der Stadt ein. Die Kinder wurden nach und nach flügge, zogen aus und machten Platz für neue Aufgaben. Natürlich konnte ich nicht erwarten, dass hier auf dem Lande der Zuspruch für den Heilpraktiker so groß war wie in der Stadt. Darum konzentrierte ich mich auf eine Therapie, die im weiten Umkreis kaum anzutreffen war: Bio-Facelifting. Eine Art Frischzellbehandlung. Das lief zunächst gut an. Jüngere und ältere Damen ließen sich die Falten im Gesicht unterspritzen und erlangten schon nach ein paar Sitzungen ein jugendliches Aussehen. Meine Assistentin war meine neue Ehefrau Karen. Aber schon nach gut einem Jahr kam das große Aus. Nicht für die junge Ehe, sondern für die Praxis. BSE - Rinderwahn - aus England machte die Runde. Die Bild-Zeitung warnte in großen Lettern vor der Injektion von aus Rindern gewonnenen Präparaten. Von einem Tag zum anderen war meine Praxis leer. Was tun? Ich war an einem Punkt angelangt, an dem mir der innere Antrieb völlig verloren gegangen war. Zum ersten Mal war mir nicht mehr danach, etwas Neues zu beginnen. Ich brauchte ganz dringend Abstand von all den zurückliegenden Veränderungen. Ein Zufall kam meiner neuen Frau und mir zur Hilfe. Meine ältere Schwester hatte sich einer Facelifting-Behandlung bei uns unterzogen. Und das mit recht gutem Erfolg. Statt eines Honorars erhielten wir ein 14tägiges Wohnrecht in ihrem Appartement an der türkischen Riviera. Kurzum: Die Riviera in der Gegend von Alanya wurde unsere neue Heimat. Wir vermieteten unser Haus am Rande der Großstadt und zogen mir vielen Koffern in die Türkei, wo uns viele neue Freunde erwarteten. (Fortsetzung folgt) |