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In meinem Arbeitsvertrag stand, dass ich überparteilich und objektiv zu berichten hatte. Die Gesundheitspolitik machte mir keine Schwierigkeiten. Anders war es bei meinen Artikeln über Leistungen und Errungenschaften der so genannten modernen Medizin. Schon frühzeitig trug ich in mir ein ganz anderes Bild vom Beruf des Arztes. Lange Zeit bevor ich mein Studium der Naturheilkunde aufnahm, war für mich Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit. Der Arzt sollte kein Gesundheitsingenieur", sondern ein Künstler (im besten Sinne des Wortes) sein. Als ich schließlich die Bestätigung aus der Jahrtausende alten Erfahrungsmedizin bekam, stieß ich in meiner Berichterstattung immer wieder auf innere Konflikte. Dem journalistischen Grundsatz gehorchend, zumindest beide Seiten anzuhören, interviewte ich viele Patienten. Da gab es todunglückliche Frauen, denen vorschnell die Brüste amputiert wurden. Das war besonders tragisch, wenn sich nach der Operation herausstellte, dass der Tumor gutartig war. Da wurde sogar jungen Frauen vorsorglich die Gebärmutter entfernt, weil sie angeblich ein Krebsrisiko in sich trugen. In sehr vielen Fällen aber stellte sich heraus, dass angehende Gynäkologen lediglich bestrebt waren, für ihre Facharztausbildung eine bestimmte Anzahl von Operationen nachzuweisen. Da wurde allzu freizügig Antibiotika verabreicht, auch bei Kindern, mit all den unkalkulierbaren Folgen für den heranwachsenden Menschen. Das ganze System der Symptomunterdrückung machte mir zu schaffen. Fiebersenkende Pillen statt Wadenwickel, chemische Laxanzien statt Einläufe, Ballaststoffe oder natürliche Abführmittel. Was ich vermisste (und eigentlich heute immer noch vermisse) ist der Mut zur Heilung, die ganzheitliche Betrachtung des Menschen und der Versuch, die Symptome aufzulösen, statt sie zu unterdrücken. Wer handelte eigentlich noch nach dem Eid des Hippokrates, den die Ärzte auch heute noch ablegen und der verspricht, in erster Linie dem Patienten nicht zu Schaden. Meine Berichte fielen entsprechend aus. Zwar war ich bestrebt, den Ärztestand nicht pauschal zu verurteilen, wie es seinerzeit der Chirurg Professor Hacketal in seinen Büchern tat, bremste aber doch unüberhörbar die meiner Meinung nach sehr naive Fortschrittsgläubigkeit meiner Leser. Es kam der Tag, an dem ich mich von denen examinieren lassen musste, die ich ein Jahrzehnt lang kritisiert hatte. Das Hamburger Gesundheitsamt hatte sich auf Tag und Stunde festgelegt. Es gab kein Zurück mehr. Ich bekam die Chance, die Approbation ohne Bestallung, wie die Heilpraktikerzulassung offiziell heißt, zu erwerben. Zu meinem Schrecken sickerte kurz vor dem großen Tag aus internen Kreisen die Nachricht durch, dass der Prüfer der Inneren Medizin all meine Artikel gesammelt hatte. Und da saß ich nun in dem unpersönlichen Behördenraum. Vor mir ein altmodisches, ein wenig quietschendes Tonbandgerät mit Mikrofon. Das Ganze erinnerte mich ein wenig an die Nachrichtensprecher früherer Jahre. Das gab ich dann auch zum Besten, stieß jedoch nur auf eisiges Schweigen. Ich war auf das Schlimmste gefasst. Zu meiner maßlosen Überraschung jedoch lockerten sich plötzlich die Gesichtszüge des Hauptprüfers. Er nickte mir freundlich zu und lächelte dabei süffisant: Sie sind also der Meinung, man könnte auf uns Ärzte getrost verzichten." Das saß wie ein Keulenschlag. Ich war ganz benommen. Nein, beteuerte ich überhastet, so etwas sei zu keiner Zeit aus meiner Feder gekommen. Und überhaupt, in akuten Fällen habe der Arzt immer noch seinen Platz
Ich merkte zu spät, dass ich alles noch viel schlimmer machte. Der Prüfer winkte ab. Man wolle jetzt sehen, was ich drauf habe. Die Auswahl der Fragen war entgegen meinen Erwartungen fair. Zwar konnte ich nicht alles erschöpfend beantworten, aber das war auch gar nicht nötig. Problematisch wurde es bei den Infektionskrankheiten. Eine etwas betagte mausgraue Amtsärztin hatte sich regelrecht festgebissen. Ihre Fragen waren so unglücklich formuliert, dass ich oft gar nicht verstand, was sie von mir wollte. Schließlich ließ sie erschöpft von mir ab. Ich hatte bestanden. Im gegnerischen Lager hatte ich einen einzigen Fan - meinen Hausarzt. Er war naturgemäß nicht mit allem einverstanden, was ich schrieb. Vieles jedoch fand seine Zustimmung. So hatte er - als er einen meiner flammenden Berichte über die Zustände in den Arztpraxen gelesen hatte - in seiner Praxis die Terminvergabe eingeführt, was in der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Für jeden Patienten nahm er sich wenigstens eine Viertelstunde Zeit. Immerhin. Und dann lud er mich sogar zu einem ausführlichen Gespräch nach Praxisschluss ein. Dieses Gespräch sollte meinem Leben erneut eine Wende geben. Ohne seine Schweigepflicht zu verletzten, berichtete mir der Mediziner über interne Situationen, warb um Verständnis für die Zwänge, die auf ihn und seinen Kollegen tagtäglich lasteten. Manchmal möchte ich alles hinschmeißen. Es macht einfach keinen Spaß mehr." Das waren ganz neue Töne in einer Zeit, da man Mediziner als Götter in Weiß" bezeichnete und hinter vorgehaltener Hand darüber rätselte, ob sich Ärzte überhaupt noch standesgemäß fühlten, wenn sie nicht wenigstens ein zweites Feriendomizil besaßen. Mein Hausarzt zählte nicht zu den Auserwählten der Arzneimittelindustrie. Er verordnete nicht, was ihm Pharmareferenten diktieren wollten und beugte sich schon gar nicht dem Willen seiner Patienten. Letzteres war seine eigentliche Sorge. Die Patienten kommen mit ausgeschnittenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln und verlangen, dass wir Ärzte dieses oder jenes verschreiben sollen. Nun frage ich Sie, habe ich dafür so viele Jahre studiert?" Ich solle mir auch mal ernsthaft überlegen, ob ich mit meinen Artikeln das erreichen könne, was ich bezwecke. Schreiben Sie nicht nur, handeln Sie - oder besser: behandeln Sie. Geben Sie nicht nur Ratschläge, sondern machen Sie es besser!" Ich hörte da einen fast unfreundlichen Unterton heraus. Ich hatte das Gefühl, mich wehren zu müssen. Zum Wohle der Patienten sei zu allererst eine echte Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Heilpraktikern nötig. In den Statuten der Ärzteorganisationen sei aber von einem strikten Verbot die Rede, warf ich ein. Was kümmern mich die Statuten", regte er sich auf. Lassen Sie sich als Heilpraktiker nieder und ich, wie auch meine Kollegen, werden mit Ihnen zusammenarbeiten." Ich ging an diesem Abend sehr nachdenklich nach Hause. Der Arzt hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt. Eigentlich hatte ich doch Naturheilkunde studiert, um meine Berichte fundierter abfassen zu können. Jetzt aber war die Versuchung groß, wieder einmal den Beruf zu wechseln, zumal ich die Approbation schon in der Tasche hatte. Und dann dieses Angebot meines Hausarztes, der einen großen Einfluss auf seine Kollegen hatte. Mir war bis dahin kein einziger Hamburger Stadtteil bekannt, in dem Ärzte mit Heilpraktikern zusammenarbeiteten. Ich musste erst mal einige Nächte darüber schlafen. Es war die Zeit, als der deutsche Film am Boden lag. Hardy Krüger senior, den ich seinerzeit interviewte, antwortete auf die Frage, was er vom deutschen Film halte: "Man soll ein krankes Pferd nicht auch noch schlagen!" Ein Repräsentant des damaligen Films war Teo Lingen. Sein Tod am 10. November 1978 ging mir doch sehr an die Nieren. Ich hatte über ihn immer herzlich gelacht. | |