Ostpreußen ...und meine Erinnerungen

Ostpreußen - Land meiner Väter. Ein Heimatboden, auf dem ich meine ersten Gehversuche machte. Ein Landstrich, von dem ich alles aus Büchern, nichts aber aus eigener Erinnerung weiß. Wie mochte wohl meine Kindheit gewesen sein? Wertvolle Augenzeugen sind längst verstorben. Natürlich tauchen Bilder in mir auf, zusammen gesetzt aus Geschichten, die mir von Kindesbeinen an aufgedrängt wurden. Szenen, die dermaßen überdeutlich in mein Bewusstsein eingestempelt wurden, dass ich sie heute für selbst erlebt halte.

So sehe ich mich auf dem Feld, erkenne, wie mein weißer Haarschopf dem arbeitenden Vater zustrebt. Den Vater mit der Heuharke fest im Blick, die Brotdose noch fester an die Brust gepresst und tapfer immer die Ackerfurche entlang gestapft. Dann das Unerwartete. Ein Tiefflieger kommt direkt auf mich zu. Ich werfe die Brotdose über alle Furchen und mich selbst auf die Erde. Gerade noch rechtzeitig. Der Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg verliert mich aus dem Visier und fliegt davon. Vater beißt unverzagt in das sandige Brot und versucht mir geduldig zu erklären, dass diese Flugzeuge unsere Freunde sind. Ich glaube ihm natürlich nicht.

Weit draußen tobte ein Krieg, von dem ich nichts wusste. Hitler hatte gerade (es war Sommer 1942) seine Weisung Nr. 45 herausgegeben, nach der die deutschen Truppen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig gegen Stalingrad und zum Kaukasus vorstoßen sollten. Das hatte die entscheidende Wende des Krieges eingeleitet, die auch mich und meine Familie betraf. Im Oktober desselben Jahres begann Montgomery mit seiner britischen Armee eine Offensive gegen das deutsche Afrikakorps, in dem auch mein Vater wieder diente, nachdem er seine Heuharke beiseite gelegt und den Heimaturlaub beendet hatte.

Währenddessen erlebte ich auf dem kleinen Bauernhof in Scheeren friedliche Kindertage. Es war noch vor der landwirtschaftlichen Revolution. Die Automatisierung war noch in weiter Ferne, so dass noch viel körperlicher Einsatz gefragt war. Und die wenigen Landmaschinen, die die Muskelkraft des Bauern ersetzen sollten, waren von unglaublichen Ausmaßen. Angerostete Ungeheuer waren das. Aus meiner frühkindlichen Perspektive kamen sie mir wie gefräßige Dinosaurier vor. Die Scheu vor diesen Giganten muss nicht lange angehalten haben. Schon bald hatte ich mir aus Stock und Bindfaden eine Peitsche gebastelt. Dann quälte ich mich auf den hohen Sitz und trieb mit Furcht erregenden Anfeuerungsrufen das monströse Gefährt voran - bis mir der Schaum vor dem Mund stand.

Schon als knapp Zweijähriger drückte ich deutlich meinen Protest aus.
Treffen auf dem Dorfplatz Mein Vater (rechts) mit Nachbarn.
Die Großmutter väterlicherseits
Die Flucht aus Ostpreußen