Papenburg an der Ems
...und meine Erinnerungen
In der Grundschule (zweiter von links ganz vorn) Die Konfirmation (Mitte)

Es waren die ersten Jahre nach dem Krieg: Die Bundesrepublik wurde gegründet, die DDR geboren, die Nato aus der Taufe gehoben. Außerdem wurde dann noch die Welt darüber in Staunen versetzt, dass nun auch die UdSSR eine Atombombe besaß. Ich begriff von all dem wenig, denn ich war erst acht Jahre alt.
Offenbar hatte ich auch den Auszug aus Ostpreußen verschlafen, denn meine erste Erinnerung ist eng verbunden mit einem Kanal, von dem ich hier erzählen will. Dieser Kanal prägte damals wie heute das Bild der Stadt Papenburg, unserer letzten Station nach monatelanger Flucht vor der Roten Armee.
Es war an einem Sonntagmorgen. Wie so oft nach dem Frühstück rannte ich zum Kanal, wo sich Gleichaltrige mit mir zum Spielen verabredet hatten. Aber es wurde nichts daraus. Genau an der Stelle, wo sonst Peter, Manni und die anderen mit mir "in See stachen", war die halbe Nachbarschaft versammelt. Und es kamen immer noch Leute hinzu. Polizisten mit ernsten Mienen drängten die Menschen vom Ufer weg. Schon fing mich eine der Nachbarinnen ein und verbot mir, näher zu kommen. Natürlich ging ich nicht wieder nach Hause, sondern erkundigte mich nach der Ursache all der Aufregung. An diesem Tag stellte ich wohl meine erste ernsthafte Recherche an, was meinen späteren Weg zum Journalisten ohne Zweifel beeinflusst hatte. Ich erkundigte mich bei Nachbarn, die für ihre Zuverlässigkeit bekannt waren, und bekam heraus, dass es sich um eine „Moorleiche" handelte. Später allerdings wurde diese Bezeichnung wieder zurückgenommen, zumal jeder natürlich wusste, dass das Moor an dieser Stelle längst abgegraben war, nämlich schon nahezu 300 Jahre.
Papenburg wurde 1638 als so genannte Fehnkolonie gegründet. Wer sich hier niederlassen wollte, brauchte nichts für den Grund und Boden zu bezahlen. Einzige Bedingung: Er musste sich an der Aushebung des Kanals beteiligen. Und so zog sich der Kanal von Jahr zu Jahr immer mehr in die Länge, und die Stadt wuchs mit dem Kanal. Noch heute begegnen wir im Nordwesten Deutschlands Orte, die auf diese Weise entstanden sind. Einige tragen in ihrem Namen die Silbe -fehn. Hier wurde wie in Papenburg Fehnkultur betrieben, d. h., das Moor wurde durch Abtorfung urbar gemacht. Schon damals als Achtjähriger sah ich kaum noch Torfkähne auf dem Kanal. Es wurde zwar noch viel mit Torf geheizt, aber das Brennmaterial kam jetzt schneller über den Landweg in die Haushalte. Obwohl der Kanal jetzt eigentlich nutzlos geworden war, machte er tagtäglich von sich reden. Wenn der Bürgermeister das Geld gehabt hätte, wäre der Kanal längst eingezäunt worden. Zum Schutz der Papenburger, der Einheimischen wie der Flüchtlinge. Insbesondere aber zum Schutz der Nachtschwärmer. Immer wieder passierte es, dass einer mit billigem Fusel im Kopf die Richtung verfehlte und schnurstracks in den Kanal hinein tappte. Auf meinem Schulweg, der natürlich wie alle Wege immer am Kanal entlang führte, sah ich dann die mir aus frühester Kindheit wohlbekannte Menschentraube. Ich brauchte mich jetzt gar nicht mehr bis ans Kanalufer vorzudrängen. Die Wortfetzen genügten: De mutt wall bannich duhn rintorkelt siin! Oder: Is wall von siin Olsch wechlopen! (Der muss wohl völlig betrunken hinein getorkelt sein. Ist wohl von seiner Alten weggelaufen.)
Ich will noch einmal meine alte Schule betreten - wenigstens in Gedanken. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles wieder vor mir. Da ist der kleine Schulhof mit den hoch aufgetürmten Schneehaufen. Ich sehe das düstere Schulgebäude mit der Freitreppe. Ich betrete das Klassenzimmer mit den rauchgeschwärzten Wänden. Ich höre das Bullern im eisernen Kanonenofen. Es riecht nach nassem Holz. Einige Kinder husten. Nicht die an der Fensterseite. Das sind mehrheitlich die Einheimischen. Es husten schon eher die vom Ofenrauch eingenebelten Flüchtlingskinder. Bevor der eigentliche Unterricht beginnt, müssen wir alle aufstehen. Es wird gebetet. Während sich die katholischen Fensterseitigen bekreuzigen, stehen die evangelischen Ofenseitigen wie immer etwas unschlüssig da. Einige versuchen sich in Solidarität und probieren, sich zu bekreuzigen, was meistens mißlingt. Dann husten sie wieder. Mehr aus Verlegenheit als vom Ofenrauch.
Für Menschen wie mich, die - damals wie heute - schon mal die falsche Richtung einschlagen, war es sehr praktisch, dass die Stadt in ein Oben-, Mittel- und Untenende eingeteilt war. Wir wohnten am Untenende, da, wo der Kanal in die Ems mündet, direkt am Bahnhof. Natürlich ging es auch nach der Schule immer am Kanal entlang. Manni, Peter und ich bummelten an den Schaufenstern entlang, bestaunten die neuen Auslagen, wechselten auch mal auf die andere Straßenseite zum Kanal, wenn es da etwas zu bestaunen gab. Wir gesellten uns zu einer Schar von Kindern, die wie wir eindeutig als Flüchtlinge zu identifizieren waren. Flüchtlingskinder unterschieden sich von den Einheimischen schon dadurch, dass sie nicht so warm angezogen waren, wie es dieser kalte Wintertag erfordert hätte. Ihre Kleidung war alt und verwaschen oder schon mehrere Jahre von älteren Geschwistern getragen. Schuhe waren das größte Problem. Für Flüchtlinge einfach unerschwinglich. Man behalf sich mit Holzschuhen. Und wenn diese nicht warm genug waren, legte man sie mit Stroh aus. Sollte einmal die Unterscheidung zwischen uns Flüchtlingen und den „Emsköppen" nicht eindeutig genug ausfallen, musste die Religion herhalten. „Du siehst so evangelisch aus, du musst Flüchtling sein." Das stimmte fast immer. Denn das Emsland, insbesondere Ostfriesland, war schon damals tiefschwarz und katholisch.
Wir gesellten uns also zu den Gaffern und betrachteten ein halbes Dutzend Kinder, die sich mit ihren Schlitten auf dem zugefrorenen Kanal vergnügten. Mit ihren Schlitten! Für jeden von uns ein unerfüllbarer Traum. Wie das so ist: Kinder können sich nicht verstellen. Sie drücken mit ihren Gesichtern aus, was sie wirklich denken. Wir müssen wohl ausgesprochen sauertöpfig auf die ausgelassene Schar der Mitschüler geblickt haben. Unseren Neid trugen wir unverhohlen zur Schau. Wir erkannten Volker, das Söhnchen eines Textilkaufmanns in seiner gesteppten Winterjoppe mit seinen engsten Freunden. Sie erwiderten unsere feindseligen Blicke. Zuerst schoben sie ihre Schlitten zusammen, setzten sich sodann darauf und machten uns lange Nasen und allerlei Grimassen. Plötzlich begann es im Eis zu knacken. Die Schlittenkinder waren so mit ihrem Spott beschäftigt, dass sie nicht merkten, wie ihre Schlitten langsam einbrachen. Das war so faszinierend, dass wir nicht gleich reagierten. Dann plötzlich ging ein Ruck durch unsere frierenden Leiber und wir sprangen den schreienden Kindern entgegen und zogen sie aus dem Wasser. Erwachsene kamen gelaufen und besorgten den Rest. Das war gut so. Aber wir waren noch aus einem anderen Grunde erleichtert. Die Schlitten waren verschwunden. In unserer kindlichen Seele war hier wenigstens ein Stückchen Gerechtigkeit wieder hergestellt worden.

Ich war etwa zwölf Jahre alt, als ich in einem Blankeneser Restaurant in Hamburg Ferien machen durfte.
Wieder zu Hause in Papenburg
(Vorort Aschendorfermoor) erwartete mich schon sehnsüchtig mein kleiner Hund Chico.
Bei der Ernte: Ich in der Mitte neben dem Vater, Mutter ganz links. Sitzend meine Schwester Christel.