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Ich zählte 26 Lenze und hatte eine junge Frau namens Christel kennen gelernt, mit der ich mein restliches Leben verbringen wollte. Was in solchen Fällen äußerst selten vorkommt: meine Verwandten und Freunde rieten mir ab. Und zwar dringend. Begründung: Das seien zwei Welten, die nicht zusammen passten. Meine damalige Freundin und heutige Exfrau (es folgten noch zwei weitere Ehen) ist nämlich gehörlos. Wir heirateten trotzdem. Ich machte mir nichts daraus, dass sie nicht hören konnte. Und sie störte keineswegs, dass ich gerade einen Bombenjob bei der Bank aufgegeben hatte, um Journalist zu werden. Diese erste Ehe war so ungewöhnlich wie mein ganzes Leben. Die Gehörlosigkeit meiner Frau bedeutete für mich keineswegs irgendeine Einschränkung in meinem Leben, sondern eher eine Bereicherung. Ich lernte die Gebärdensprache und stieß auf tausend Dinge, die ich früher nie beachtet hatte. Das Eheglück war unbeschreiblich. Ich hatte mich ohne große Erwartungen bei einer Hamburger Zeitung als Volontär beworben. Da ich kein Passbild zur Hand hatte, legte ich einfach ein Hochzeitsfoto bei. Die Sache schien ohnehin aussichtslos, also warum dann nicht einen kleinen Gag machen? Ich war ja nur einer von unzähligen Bewerbern, die alle sicher allerbeste Voraussetzungen mitbrachten. Aber den Zuschlag bekam ich. Es war die Zeit der 68er, der Studentenunruhen. Ein Mordanschlag auf Rudi Dutschke, dem Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, wurde verübt. Meine Frau und ich schlossen uns einigen Redakteuren an und beteiligten uns an einem Sternmarsch auf Bonn, um gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze zu protestieren. Mein Chefredakteur hatte kein Verständnis für solche linken Spinnereien". In der Redaktion gehörte ich einer Gruppe an, die gemäß dem damaligen Trend Radaktionsstatuten ausarbeitete. Das Ziel war das Mitspracherecht der Redakteure bei der inhaltlichen Gestaltung der Zeitung und bei Personalentscheidungen. Also so etwas wie ein Betriebsrat, der sich gegenüber irgendeiner Mediengewerkschaft verpflichtet fühlt. Natürlich wurde nichts daraus. Wie auch. Willi Brandt, der erste sozialdemokratische Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik mit seiner sozial-liberalen Koalition brachte nach Meinung des Chefs schon genug Unheil über die Republik. Ich schrieb und schrieb. Recherchierte und schrieb. Über Goldene Hochzeiten genauso gewissenhaft wie über Kaninchenzuchtvereine und Schützenfeste. Alles ist wichtig, sagte ich mir. Nur nicht mehr zurück zu den seelenlosen Bankschaltern und Tresoren. Gierig wie ich war, sog ich tagtäglich mit großem Genuss die Atmosphäre rund um Redaktion und Setzerei im mich auf. Es war die Zeit, als die Buchstaben noch in Blei gegossen wurden, als Schriftsetzer an monströsen Maschinen saßen und Metteure neben Redakteuren die Seiten bastelten. Eine neue, faszinierende Welt hatte sich für mich aufgetan. Jede noch so nichtige Kleinigkeit hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Jahrzehnte später war ich reif genug, mit dem nötigen Abstand dieses Milieu in einem Buch wiederzugeben. In dem Roman Die 13 Tage nach der Hinrichtung" verband ich selbst Erlebtes und Erdichtetes. Hier ein kleiner Ausschnitt
Der sonst so stille und ernste Breitenbach begann zu toben, wenn manchmal Hunderte von Zeilen in den Bleiabfalleimer geschoben werden mussten. Und dann erst die Überschriften. Natürlich passten auch die nicht. Jeden Tag musste der arme Mensch zur Redaktion hinaufklingeln: "Herr Regenstein, Ihre Überschrift... wollen Sie eine andere Schrift oder einen anderen Text wählen?" Nach einiger Zeit des stillen und lauten Grollens entschied der Metteur, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er berechnete anhand seines eigenen Typometers die Schriftgröße und änderte auch hier und da mal den Text ab. Das wiederum brachte ihn, Regenstein, in Rage. Seit wann griff ein Metteur in das Layout ein? Spielte sich als Redakteur auf? Er, Regenstein, durfte sich ja auch nicht erlauben, auch nur eine Zeile Blei anzufassen. Ein ungeschriebenes Gesetz! Was war in dieser Zeit des Volontariats für mich herausragend? So paradox das klingt: Es war der Stress - oder besser: Eustress. Positiver Stress also, der nicht schadet, sondern beflügelt. Ich war nicht einen Tag krank, obwohl mein Arbeitstag in aller Frühe begann und erst gegen Mitternacht endete. Schon um 5 Uhr stand ich auf. Eine Stunde später saß ich am Redaktionstisch, redigierte, recherchierte, schrieb und schrieb. Ich wurde als Feuerwehr" für Unfälle und andere Ereignisse eingesetzt. Gegen Mittag nach Andruck nahm ich größere Termine war. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich für Medizin Interesse zeigte. Ich musste wohl irgendeinem Kollegen mal anvertraut haben, dass ich einige Semester als Gast Medizin studiert hatte. Andererseits zeigte kein anderes Redaktionsmitglied die nötige Begeisterung, diesen Themenbereich abzudecken. Ich besuchte Pressekonferenzen von Ärzte- und Kassenverbänden, war auf Messen, Kongressen und Vorträgen. Nicht alles Dargebotene war mir verständlich. Ich hatte das Bedürfnis, noch tiefer in die Materie einzudringen. Und so meldete ich mich heimlich bei der Akademie für Naturheilkunde (Heilpraktiker-Fachschule) an. Es war eine Abendschule, die ich gerade noch mit meinem Tagesplan vereinbaren konnte. Die Heilpraktikerschulen hatten damals keinen guten Ruf. Sie waren mehrheitlich kommerziell ausgerichtet und bildeten wie am Fließband aus, warfen jährlich Hundertschaften von Möchtegern-Medizinern auf den Markt und kümmerten sich wenig darum, wenn die meisten davon die Prüfung vor dem Gesundheitsamt nicht bestanden. Bei meiner Akademie handelte sich um eine staatlich anerkannte so genannte Ergänzungsschule, die auch für Umschulungen vom Arbeitsamt oder von der Bundeswehr empfohlen wurde. Offenbar hatte ich mit meiner Redaktionsarbeit, den vielen Terminen, der Abendschule und nicht zuletzt meiner Familie nicht genug an den Hacken". Ich ließ mich auch noch zum Pressesprecher der norddeutschen Heilpraktiker-Verbände wählen. Nach Beendigung meiner Volontärszeit stellte mich die Schule als Dozent für die Fächer Anatomie, Neuraltherapie und Psychotherapie ein. Ich tanzte" also auf mehreren Hochzeiten. Und es kam noch etwas hinzu: Die Hamburger Sprech- und Gebärden-Bühne Eine Vorläuferin des Felix-Theaters Meine gehörlose Frau und ich hatten ein bundesweit (vielleicht sogar weltweit) noch nie da gewesenes Theater gegründet. Meine Familie zählte inzwischen fünf Personen. Es waren zwei Töchter und ein Sohn herangewachsen. Meine Frau begleitete die Kinder in der Vorweihnachtszeit in das eine oder andere Weihnachtsmärchen, ohne als Gehörlose selbst etwas von der Vorstellung zu haben. Das machte uns nachdenklich. Warum konnten beispielsweise gehörlose Kinder mit ihren zum Teil hörenden Familienmitgliedern nicht gemeinsam eine Theatervorstellung genießen? Die reinen Gehörlosentheater, wo nur gebärdet wurde, waren nichts für Hörende. Andererseits fanden Gehörlose keinen Genuss in der hörenden Theaterwelt. Es musste einen dritten Weg geben. Eine Idee wurde geboren: die totale Kommunikation. Lautsprache, Gebärde, Körpersprache, Pantomime, Musik und Tanz
Ja, das war es! Wir erlebten Jahre später, dass sogar ausländische Kinder, die noch kein Wort Deutsch sprachen, der Vorstellung ohne Schwierigkeiten folgen konnten. Aber zunächst mussten wir einen schwierigen Weg beschreiten. Es stellten sich nämlich keine Schauspieler zur Verfügung. Ihnen erschien die Aufgabe zu schwer. Und in der Tat: Was wir von den Schauspielern verlangten, war so etwas wie gleichzeitiges Seiltanzen, Jonglieren und Singen. Wir ließen uns nicht entmutigen. Nachdem wir wenigstens zwei Gehörlose für unseren Plan gewonnen hatten, besetzten wir alle anderen Rollen mit sämtlichen Mitgliedern meiner Familie. Wir führten das Grimm´ sche Märchen Rumpelstilzchen" auf. Was nach unserer Planung nicht mehr und nicht weniger als ein Versuchsballon sein sollte, machte bundesweit Furore. Wir konnten uns vor Terminen nicht mehr retten. Wir kauften uns einen Kleinbus - hinten die Kulissen, in der Mitte die Schauspieler und ganz vorn die Verantwortlichen. Jedes Wochenende waren wir in einem anderen Gehörlosenzentrum, sogar im deutschsprachigen Ausland. Der Bayrische Rundfunk strahle in der Sendung Sehen statt Hören" einen Zusammenschnitt unserer Aufführungen aus. Es folgte das Kriminalstück Mord in Ulm" nach der gleichnamigen Romanvorlage. Weitere Grimm´sche Märchen wurden inszeniert, so Der gestiefelte Kater". Dann Hänsel und Gretel" nach Humperdinck für die ganze Familie mit viel Gesang und Tanz. Etwas ganz Besonderes stellten wir mit Die Schöne und das Tier" auf die Bretter. Es handelte sich hier um ein Märchenmusical mit selbst komponierten Liedern und Musikstücken. Der Kopf des Unternehmen war nach außen hin meine gehörlose Frau. Mir fiel der Rest zu. Ich schrieb die Texte, entwarf die Szenen, führte Regie, übernahm irgendeine Rolle und organisierte die Tourneen. Da das Theater 1989 eingestellt und von mir allein als "Felix-Theater" (für normal Hörende) fortgesetzt wurde, sind die Texthefte (siehe Bühnenstücke) heute für ein geringes Entgelt erhältlich. Übrigens: Die Dialoge sind besonders geeignet für die begleitende Gebärde. | |